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Ihr Weg nach Bretonien

Aus den Chroniken der Wehr gegeben Taëria 1510 p.i. (nach Bretonischer Zeitrechnung im Jahre 1204)

Einst herrschte Frieden und Harmonie im Lande Taëria. In einer Zeit des Einklangs lenkten die Edlen die Geschicke des Reiches und legten alles dran, dem Reich Wohlstand und Reichtum zu bescheren. Güte, Anstand und Ehre waren keine Tugenden der Vergangenheit. Sie waren allgegenwärtig, denn die Machthabenden strebten nach jenen alten Werten der Ritterlichkeit, die seit Generationen von Bedeutung waren. Weitere Ziele dieser längst vergangenen Zeit waren es, dem Volk Wohlstand, Fortschritt und Bildung zu bringen. Nur ein Volk, so lautete die Philosophie, dem es gut ging, war bereit, mit Herz und Verstand dem einen Gott und seinen Vertretern auf Erden, dem Adel, zu folgen.

Zu jener Zeit gehörte die Wehr zu einem festen Bestandteil des glorreichen Landes. Zunächst als einfache Garnision Brunswieks gehandelt, erreichte die Wehr unter dem legendären Kommando seiner Gnaden Baron Junker Gregorius Karl Leopold von Wahnstein schnell Ruhm und Ehre. Nach und nach wurde die Einheit mit verantwortungsvolleren Aufgaben betreut, so dass sie sich rasch zu einem unentbehrlichen Faktor entwickelte.

Die rot/weißen Farben waren im Land gern gesehen und standen gemeinhin für Königstreue und Ordnungsliebe. „So rechtschaffen wie ein Wehrgardist“ gehörte in jenen Tagen nicht umsonst zu einem beliebten Ausdruck im Volk. Überhaupt genoss die Einheit viel Ansehen bei den Bürgern Taërias, in jeder größeren Stadt gab es Rekrutierungsstuben und auch auf vielen Festen und Märkten waren die Zelte der Anwerber der Wehr bekannt und gut besucht. Viele Menschen ersehnten sich einen festen Platz in den vielen Bannern dieser Einheit, stets in der Hoffnung, eines Tages jenen der Wehr zu begegnen, die in vielen Schlachten außerhalb der Grenzen des eigenen Landes für Ruhm, Ehre und Thorgads Wort gestritten hatten.

Doch nicht nur im Volk genoss die Wehr größtes Ansehen. Auch im Rat der Höchsten und Edelsten, jene wenigen, die im Dienste des noch jungen König Hagens über das Los aller Taërianer entschieden, gab es Verbündete und Fürsprecher der Streiter in Rot und Weiß. Allen voran jene, die Seite an Seite mit den Recken der Wehr in vielen wichtigen Schlachten gestritten und die stolzen Kämpfer in Scharen fürs Vaterland sterben gesehen hatten, hatten ihr Herz an ihnen verloren.

Und so kam es, dass eines Tages der Wehr eine Ehre zuteil wurde, wie es sie sonst noch nie in der Geschichte Taërias gegeben hatte: Als eigenständige Einheit wurde sie in die noch junge Grafschaft Auenthal beordert und erhielt dort die Aufgabe, alleinig für den Schutz und der Befriedung des wunderschönsten Flecks im gesamten Reich zu sorgen. Gleichzeitig wurde der Junker, welcher sich mittlerweile in ganz Taëria einen Ruf als begnadeter Taktiker und unbarmherziger Streiter in Thorgads Namen erarbeitet hatte, zum Verwalter von Auenthal bestimmt. Mit der Mission in der Grafschaft wurde auch dem Letzten in Taëria bewusst, dass die Wehr eine besondere Stellung innerhalb des Machtgefüges im Land einnahm. Selbst über die Grenzen hinaus hatte diese Armeeeinheit Bekanntheit erlangt und wurde in vielen Teilen der Reiche mit Erfurcht gehandelt.

Dieser Umstand fand nicht überall Zustimmung. Einigen Wenigen missfiel der Gedanke eines aufstrebenden Kommandeurs, der mit seinem fulminanten Führungsstils und gestärkt durch die besten Soldaten Taërias frenetische Erfolge feierte. Wozu, so fragten sie sich, war ein Mann hoher Geburt in der Lage, der schon in solch jungen Jahren solche Erfolge feierte? Lange musste der Junker ihnen ein Dorn im Auge gewesen sein, doch erst die jüngsten Ruhmestaten trieben sie zu ernsten Bestrebungen an, der Glorie eines Adligen und seiner Soldaten ein jähes Ende zu bereiten.

Intriganten und Verräter, welche die Wehr als ihre Freunde kannte, waren Federführer bei den Ereignissen, die schließlich zum Ende einer Ära führten, wie es sie nie zuvor gegeben hatte und kein zweites Mal in Taëria geben würde. Die letzten Tage der Wehr in ihrer Heimat nahmen ihren Lauf, als auf einem Fest in der Grafschaft Cellis drei Soldaten der Wehr in ein dicht gesponnenes Netz der Lügen tappten und nach einer züchtigen Schlägerei mit nie gekannter Härte bestraft werden sollten. Ein bis dahin namenloser Graf, beleibt bis aufs Äußerste und nur in der Lage mit viel Fantasie sein Gemächt zu erahnen, verurteilte jene Recken der Wehr, die schon viele Heldentaten im Namen Thorgads, des Königs und Taërias erbracht hatten, zur Abschlagung der rechten Hand. Allein der Umstand ihrer Geistesschärfe und der damit verbundenen schnellen Flucht verhinderte die Vollstreckung des ungerechten Urteils. Diese banal wirkenden Ereignisse waren schließlich der Beginn des Endes der Tage der Wehr in Taëria. Noch während der Junker, eher amüsiert als wirklich alarmiert ob der Ereignisse, die sich zugetragen hatten, auf dem Rückweg in seine Baronie war, hatten sich große Truppenkontingente der taërianischen Armee an den Grenzen zur Grafschaft Auenthal versammelt. Lange vor den Ereignissen in Cellis, so wurde klar, hatten diese bereits den Marschbefehl nach Auenthal erhalten. Dies sollte nicht der einzige Hinweis bleiben, der zeigte, dass die Ereignisse um Cellis schon von langer Hand geplant worden waren.

Jedoch hatten die Intriganten gewisse Faktoren in ihren Plänen nicht bedacht. Jener Mann, der die Truppen der Armee befehligte, war wie so viele Menschen damals ein alter Kampfgefährte der Wehr. Viele Schlachten hatte er schon an der Seite des rot/weißen Banners geschlagen und noch allzu gut erinnerte er sich an diese Tage, die noch gar nicht so lange zurück lagen. Er warnte den Junker und klärte ihn ob seiner Befehle auf: Alle Männer der Wehr, die sich gegen die Armee stellen würden, sollten bis auf den letzten Mann zerschlagen werden und nur er, der als Adliger gewisse Privilegien genoss, am Leben gelassen werden. In Ketten gelegt sollte er vor ein ähnliches Gericht gestellt, wie es in Cellis statt gefunden hatte und wegen Hochverrats zum Tode verurteilt werden. Viele Möglichkeiten boten sich dem Junker, als er dies erfuhr. Doch die Möglichkeit eines Bürgerkriegs in seinem geliebten Land war die letzte, die ihn damals reizte. Er entschied sich zum Exodus. Mit einigen Wenigen seines loyalsten Banners wählte er den Weg der Flucht. Er löste alle anderen Einheiten der Wehr auf und nahm dem Kommandeur der taerianischen Truppen das Versprechen ab, dass jenen, die einst unter dem Löwen gestritten hatten und die er zurück lassen sollte, keine Sanktionen drohten.

Und dann verließen er und seine Männer ihre Heimat. Zu Lebzeiten sollten sie dorthin nicht mehr zurückkehren, denn zu groß war ihre Liebe für das Land, dessen Bewohner und den König, als dass sie eine blutige Fehde auf dem Boden ihrer Ahnen austragen wollten.

Es heißt, der Junker und seine Recken wären orientierungslos in den Sümpfen des Nordens jämmerlich verreckt. Eine andere Geschichte erzählt, in den Weiten der Steppe seien sie in einer letzten epischen Schlacht gegen das Chaos und die Finsternis gefallen.

Mir selbst jedoch gefällt die Vorstellung am Besten, dass sie irgendwo da draußen, fernab der Stätte ihrer Geburt, wieder etwas gefunden haben, für das es sich zu leben lohnt. Für das sie wieder bereit sind zu kämpfen. Und für dessen Erhalt sie auch aufs Neue bereit sein werden zu sterben.

Einen Ort namens: „Heimat“

 

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